Tofu-Würstchen und Co.
»Du, Papi, weißt du „waas“, Max aus meiner Kita hat erzählt, dass seine Mutter, die Svenja, seinen Vater ausgeschimpft hat, weil er beim Einkaufen immer die eine Hälfte vergisst und die andere Hälfte nicht findet. Jetzt darf er nur noch zusammen mit seiner Mutter Lebensmittel einkaufen gehen, aber nie mehr alleine. Max und ich finden es komisch, dass sein Vater sich freut und nicht sauer ist.« Ich schmunzelte und dachte, dass Sven ein sehr kluger Mann ist. Mein lieber Ernst hatte Mühe, sein Lachen zu unterdrücken, räusperte sich und sagte: »Na, ja, wenn man etwas nicht ganz so gut allein kann, ist man sehr froh, wenn jemand hilft.« »Papi, deshalb gehst du wohl auch nie alleine einkaufen.« Sie kicherte. Ich lächelte Ernst an. »Schatz, in diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass Svenja uns für Samstagabend zum Grillen eingeladen hat. Es wird sehr gesund werden. Sie essen nicht mehr vegetarisch, sondern inzwischen vegan, Gluten- und laktosefrei, zuckerarm, auch trinken sie Alkohol in nur sehr geringem Maß.« Ernst entsetzt: »Der arme Sven!« Unsere Kleine sehr besorgt: »Papi, was willst du denn da essen?« Dieser seufzte, lächelte dann verschmitzt und sagte: »Da wird mir schon etwas einfallen.« Als wir später allein waren, sagte ich zu Ernst: »Schatz, bevor wir zur Grillparty fahren, könnten wir«, dieser fuhr fort, »nein, wir sollten bei Murat anhalten und einen kleinen oder auch großen«, er grinste, »Döner essen.« Ich schüttelte den Kopf: »Ernst, bitte, ich wollte sagen: zu deinen Eltern fahren. Deine Mutter hat noch einige Aufträge für dich.« Er runzelte seine Stirn, seufzte. »Mach’ ich morgen.«
Eine Stunde vor Beginn der veganen Grillparty trafen wir zu unserer Verwunderung, nein, eigentlich waren wir nicht erstaunt, in „Murats Döner“ Freunde und Bekannte zu treffen, die ebenfalls bei Svenja und Sven eingeladen waren. Auch sie hatten die Idee, sich vorab deftig und herzhaft zu stärken. Von Seiten, hauptsächlich der Männer, gab es viel Gelächter und Sprüche wie: »Ach, ihr habt auch Bedenken, dass ...« »…, der arme Sven …«, »…, na, ja, gesund soll es ja sein …«, »für mich noch ein Weizen, Murat …«, usw. Von Seiten, hauptsächlich von uns Frauen war zu hören: »Ich freue mich schon, wird bestimmt sehr interessant. Mal was anderes, nicht immer …«, »Es gibt ganz tolle vegane Rezepte …«, »Der orientalische Quinoa Salat neulich bei Tanja, war sehr köstlich und die …«. usw. Es war deutlich zu spüren, dass sich zwei sogenannte „Lager“ aufgetan hatten. Ja, und dann auf der Grillparty war sich plötzlich das „gesamte Lager“ einig. Begeisterung von allen Seiten: »Sven, die gegrillten Tofu-Würstchen, und das Gemüse, besonders die Pilze und der Blumenkohl, wirklich klasse …«, »Svenja, ich muss sagen, der alkoholfreie Wein, nicht schlecht, wirklich …«, »…, das laktosefreie Zaziki, sehr, sehr lecker«, »… Ja, die Zitronen-Tarte, endlich mal nicht so süß, ganz wunderbar, wirklich, Svenja.« Die Gastgeber strahlten glücklich über so viele, zufriedene Gäste.
Zum Glück hatten sie anscheinend das leise Gelächter und die Lästereien einiger Gäste nicht mitbekommen. Da diese in unmittelbarer Nähe von Ernst und mir standen, wurden wir aufmerksam. Es waren Kolleginnen und Kollegen der Gastgeber, die meinten, dass Tofu Würstchen und anderes veganes Grillgut wirklich schnell und lang anhaltend sättigen würde, die laktosefreien Salatdressings und zuckerarmen Desserts köstlich geschmeckt hätten, und ja, doch, auch die alkoholfreien Getränke durchaus trinkbar sind. Durchweg waren alle der Meinung, dass Svenja und Sven mit ihrer gelungenen, veganen Grillparty durchaus Mut und sehr viel Kreativität bewiesen hätten. Jetzt gab es wieder leises Gelächter, dieses Mal aber mit einem wohlwollenden, anerkennenden und durchaus herzlichen Unterton.
Mein lieber Ernst schmunzelte und sagte leise zu mir: »Die waren ganz sicher auch, wie viele hier vor der Party, noch schnell in irgendeinem Grill-Stübchen.«
Der Text und die Tonaufnahme wurden an die Vereinsmitglieder der "Kunstfreunde Wetter" und andere Interesierte weitergeleitet.